Das Ende, Hoffnung und Verwunderung

Es war einmal vor langer Zeit …. Dreißig Jahre ist es her, ich saß in der Bahn, in der Reichsbahn, so hieß das zu dieser Zeit und an diesem Ort. Es ging in Richtung Süden, so etwa 300 km war das möglich, nicht wie heute ohne, dass jemand die Taschen durchwühlt mal schnell in den Flieger und ein paar Tausend Kilometer in die Sonne.

Das Abteil war voll und ich hörte Radio mit meinem auf einem Flohmarkt erstandenen Walkmen. Die gab es damals, Musik zwischen Bandsalat und leeren Akkus. Danach, praktisch auch schon verschwunden, gab es dann MP3 Player…die Zeit vergeht. Im Laden gab es die nicht und die Flohmarktpreise waren Wucher aber irgendwie sollte ja die Zeit ausgefüllt werden.

Es lief auf Höhe Berlin, die Reichsbahn umkreiste das damals in weitem Bogen, Nachrichten. Der Bogen um die Stadt sollte verhindern, dass unzufriedene Fahrgäste den Zug einfach mal so im Grenzstreifen verlassen konnte. Heute schafft ein ICE die Strecke nach Berlin in einer Stunde, damals dauerte es so zweieinhalb. Aber das waren andere Zeiten, für einen Kaffee setzte man sich hin, es gab ihn auch aus einer Tasse und man schaute in die Augen und nicht aufs Handy. Zug fahren war auch nicht so steril wie heute. Mit dem Zug fahren hatte, gerade im Sommer, seinen eigenen Charm. Es gab keine Klimaanlage, dafür einen unvergesslichen Geruch nach Sommer und abgeriebenen Stahl. Wenn es voll war und warm wurden die Türen aufgerissen, natürlich während der Fahrt bei 120 km/h. Das ging damals und es gab auch keinen Alarm, kein Zug hielt an, die Türen hatten richtige Griffe. Die warme Sommerluft pfiff durch die Gänge…..Schneller ist also nicht immer besser.

Aber zurück zu den Nachrichten, 89 eine spannende Zeit. In dem  Bericht ging es um Ungarn. Dort passierte gerade etwas Entscheidendes , gerade jährt es sich zum 30igsten mal. Ungarn machte seine Grenze auf und ließ angereiste DDR Bürger in den Westen. Das was ich in den Nachrichten hörte war zu diesem Zeitpunkt die erste Meldung dazu. Vor Antritt der Fahrt war davon nirgends die Rede. So bedeutend wie es war erzählte ich es einfach mal so im Abteil in die Runde. Zusätzlich habe ich es kommentiert mit der Bemerkung, dass es jetzt zwei Möglichkeiten gibt, entweder die DDR macht ihre Grenzen auch auf oder es werden die Reisen in Richtung sozialistisches Ausland eingeschränkt, anderes gab es ja praktisch nicht. Wenn das passiert, sagte ich, dann gibt es Ärger. Die Stimmung damals war aufgeladen und weitere Einschränkungen, so meine Einschätzung, hätten es zum Überlaufen gebracht. Also, meine Bemerkung , die ich auch äußerte, es geht mit der DDR in dieser Form zu Ende, so oder so.

Für viele heute kaum vorstellbar, war das was ich tat, damals nicht eine harmlose Äußerung. Es war nicht strafbar „Westradio“ zu hören aber die Meldungen zu verbreiten schon. Es hat sich auch kaum jemand in der Runde getraut dazu wirklich etwas zu sagen. Ich aber musste es loswerden und habe in diesem Moment nicht darüber nachgedacht ob es Folgen haben kann.
Wenn sich heute AfD Anhänger darüber beschweren, dass es keine Meinungsfreiheit gibt, dann verkennen sie grundsätzlich die Situation im heutigen Deutschland. Für sie scheint keine Meinungsfreiheit zu bedeuten, dass ihre Meinung nicht geteilt wird, oder, dass andere ihnen entgegnen, eh, du irrst dich. Aber egal was sie äußern niemand wird sie deshalb aus dem Zug begleiten.
Damals hätte passieren können, dass ich auf dem nächsten Bahnhof meine Reise hätte beenden müssen. Letztlich aber war die Macht der DDR Führung schon mit der Flucht in Ungarn zerbrochen und es nur noch eine Frage ob es friedlich oder mit Gewalt zu Ende geht. Aber irgendwie war die Zeit trotz aller Risiken eine Zeit der Hoffnung und der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten.

Ungarn war damals das bunte Land in der sogenannten sozialistischen Staatengemeinschaft. Ungarn stand für Freiheit, für Individualität, für die Ablehnung einer starken zentralen Regierung. Da passte es schon in das Bild, dass die Grenzen genau dort aufbrachen. Nicht nur wegen der Landschaft war Ungarn Urlaubsland, sondern weil es irgendwie am dichtesten am Westen lag. Warum Ungarn heute so nach innen gekehrt ist, verstehe wer will.

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